Volks-Musik

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Was allen gehört, ist Volksmusik?

Der folgende Text bezieht sich auf Deutschland, versucht aber auch, ein paar allgemeine Aussagen zu machen. Der Begriff Volksmusik ist so gebraucht, wie er vor ihrer Kommerzialisierung durch die Medienindustrie gemeint war. Traditionelle Musik wäre treffender, ist als feststehender Ausdruck aber leider nur im englischen Sprachraum gebräuchlich.

Von der Geburt eines unglücklichen Begriffs

Vor 200 Jahren prägte Johann Gottlieb Herder den Begriff „Volkslied“, der jedoch nie genau definiert werden konnte, nicht zuletzt, weil unter „Volk“ zu verschiedenen Zeiten Verschiedenes  verstanden wurde. „Volk“ wurde als Sammelbegriff, aber auch abgrenzend für die Unterschicht gebraucht, wohingegen Herder unterhalb des  - singenden -Volkes noch den - grölenden - „Pöbel“ ansiedelte. Gerade die Unschärfe des Begriffs Volkslied hat seine breite Nutzung offenbar verstärkt. Eine klare Trennung zwischen Kunst- und Volksmusik gab es bis etwa ins 17. Jahrhundert offenbar nicht, so dass man auch keinen Begriff dafür hatte.
Eine andere Theorie besagte, dass alle Volksmusik von Werken echter Künstler abstammten, die vom Volk banalisiert und verdorben worden seien. ("Abgesunkenes Kulturgut"). Hierbei wird völlig verkannt, dass Urformen des Volksliedes und –tanzes bis in heidnische Zeiten zurückreichen (s. Seite Ursprünge) und somit Holz vom selben Stamm sind wie die Kunstmusik.

 Der ländliche Raum galt wegen seiner Abgeschiedenheit und festgefügter sozialer Gruppen als fruchtbarster Boden für Volksbräuche und -musik. Aber auch hier wirkten sich bereits vor über hundert Jahren die gesellschaftlichen Veränderungen zum Schaden der musikalischen Überlieferung aus, so dass die Begeisterung der Zeitgenossen für das Volkslied schon nostalgischen Charakter hatte. 

Warum das Enten-Prinzip nicht funktioniert

Das Entenprinzip besagt: Was aussieht wie eine Ente, watschelt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, muss wohl eine Ente sein. Dies setzt eine definierte Norm-Ente voraus, mit der alle unbekannten Exemplare abgeglichen werden können. Entenarten sind über große Lebensräume hinweg völlig gleich und ändern ihr Erscheinungsbild nur in evolutionsmäßig langsamem Tempo.

Unser Volkslied dagegen ist flexibel. Es ist weder von Struktur noch Form her fest zu erfassen, klingt u.U. von einem Dorf zum nächsten schon wieder anders und ändert seine Erscheinungsform in wenigen Jahren möglicherweise radikal, kann aber auch über Hunderte von Jahren fast konstant sein. Die Einschätzung pi mal Daumen kann uns einen kommerziell erfolgreichen Schlager als Volklied liefern, eine Plastikente  sozusagen. 

Schlicht und ergreifend

Das deutsche Volkslied wird gern wegen seiner Einfachheit hervorgehoben. Schlicht und ergreifend, sozusagen. Versuche, das Volkslied von seiner Form her zu definieren, können aber wegen der internationalen und regionalen Vielfalt nicht überzeugen. Allenfalls lassen sich für ein bestimmtes Gebiet Aussagen über die musikalische und poetische Gestalt machen. Einige Komponisten setzten im 19. Jahrhundert allerdings ihren Ehrgeiz darein, diese einfachen Strukturen zu imitieren und ihre Lieder als Volksgut auszugeben. Wenn man sich etwa die Musik des Balkans mit den ungeraden Rhythmen oder den wilden Harmonien anhört, wird man nicht gerade von Einfachheit sprechen. Dass sich das deutsche Volkslied seit längerer Zeit im Niedergang befand, ist belegbar durch Armut an Varianten, unverbundene, verballhornte Textfragmente, melodisch und rhythmisch simple Strukturen.  

Was es ist

„Armut ist die Mutter der Folklore“, schrieb A.L. Lloyd, der englische Folk-Forscher, vor rund dreißig Jahren. Danach wäre, was das „einfache“ Volk singt und spielt, Volksmusik, die Hochkultur mit Konzert und Oper Sache der Reichen. So simpel kann es aber nicht sein, da sich Musik von oben und unten immer wieder befruchtet haben. Auch die Trennung vom zeitgebundenen populären Lied fällt schwer.  

Nach der  Definition des Internationalen Volksmusikrates von 1954 ist diese Musik Produkt einer Tradition, die durch den Prozess der mündlichen Überlieferung entstanden ist.  Dabei wurde sicher an relativ isolierte Menschengruppen vor der Zeit der Massenmedien gedacht. Bestimmende Faktoren sind danach die

*ununterbrochene Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart 
*Variation durch kreativen Impuls des Einzelnen oder der Gruppe
*Auswahl durch die Gemeinschaft, was weiter überliefert wird.
 

Streng genommen lässt sich ein Volkslied also nicht komponieren, sondern lebt erst durch die Weitergabe, weil die Sängerinnen und Sänger am schöpferischen Prozess beteiligt sind.
Wenn dies Weitertragen jedoch in der Form des Nachsingens von Noten, gar ganzen mehrstimmigen Sätzen geschieht, fehlt das kreative Element, das Lied ist allenfalls volkstümlich.
Dies schließt aber nicht aus, dass populäre „Hits“ in die Überlieferung eingehen und sich die Kenntnis ihres Ursprungs verliert. Die Anonymität des Verfassers konnte als Kriterium nicht bestehen, da die Forscher oftmals im nachhinein den Urheber beliebter Lieder ausfindig machten. Auch die mündliche Überlieferung allein bedeutet noch nicht, dass es sich um ein Volkslied handelt.

Tradition ist Fiktion

Folgt man dagegen dem Historiker Eric Hobsbawm, ist Tradition nichts, was sich aus der Vergangenheit kettenförmig  in die Zukunft fortsetzt. Im Gegenteil: Tradition wird immer vom gegenwärtigen Zeitpunkt aus neu entworfen und in die Vergangenheit projiziert. Es liegt auf der Hand, dass die Vergangenheit zur Definition der eigenen Identität herangezogen wird. Das Gewesene kann sich nicht gegen seine selektive Vereinnahmung wehren. 
Andererseits gibt es Produkte einer wie auch immer gearteten Überlieferung, z.B. Balladen, deren Ursprung sich weit zurückdatieren lassen und die auf dem Weg in Richtung Zukunft einen Prozess durchlaufen haben. Jemand, der in seiner Praxis auf Vergangenes zurückgreift, tut dies i.d.R. bewusst und mit einer bestimmten Intention. 

Kultur des Singens

Man muss der oben nach A. L. Lloyd zitierte Definition des Volksliedes nicht unbedingt zustimmen. Die weltweite Verbreitung von Massenmedien in der Zwischenzeit mögen ihre Veränderung erfordern. Fritz Feger spricht in seinem Essay „der verstummte Volksmund“ lieber von einer Alltagskultur des Singens. Kaum jemand wird abstreiten, dass uns in Deutschland eine solche hierzulande abhanden gekommen ist. Vielleicht sollte man statt von Volksliedern eher von Liedern mit Eigenleben sprechen. Das wären dann Lieder, die irgendwann unabhängig von Büchern - oder Tonträgern - existiert und sich verändert haben. Dabei käme es nicht auf den Ursprung an.

Der Erfolg von „Weltmusik“ (Musik mit Wurzeln in der Tradition eines Landes oder Volkes) in Deutschland zeigt , dass es ein Gefühl für das Defizit gibt, was volksmusikalische Kultur bei uns angeht. Schließlich traut sich hier kaum noch jemand, in nüchternem Zustand einfach so öffentlich zu singen. Die Aufgabe, für musikalische Unterhaltung zu sorgen, ist an die Medien abgetreten worden, oder zumindest an jemand, der erhöht auf einer Bühne steht. Wenigstens bewirkt die große Popularität von Karaoke bei der jüngeren Generation, dass öffentlich gesungen wird: für- aber weniger  miteinander. Ob sich daraus die Kultur des gemeinsamen  Singens wieder erneuert, möchte ich aber bezweifeln.

Im 21. Jahrhundert

Volksmusik hat zu allen Zeiten neue Einflüsse aufgenommen und verarbeitet. Was ihrer Funktionsweise, dem gemeinschaftlichen Besitz und der kollektiven Kreativität zuwiderläuft, ist das Star-Prinzip, die Hierarchisierung durch Verkaufszahlen und Hitparaden. Ich frage mich, ob es noch ein anderes Land gibt, in dem das allgemeine Verständnis dessen, was Volksmusik ist, derartig stark von der Unterhaltungsindustrie geprägt ist.

Die Menge und das Tempo der neuen Trends sowie das Verschwinden räumlicher Grenzen machen es traditioneller Musik schwer, in unserem jetzigen Mitteleuropa zu funktionieren. Dem Trend zur Globalisierung steht aber auch einer zur Lokalisierung entgegen. Akustische Instrumente sind gerade wegen der Übermacht der elektronischen Sounds weiter attraktiv. Andererseits hat Tradition per se etwas Konservatives, was sie für die jüngere Generation unattraktiv macht.

Deutsche Volkslieder sind nicht notwendig schlechter als anderssprachige. Vielleicht fällt uns in der Muttersprache das Klischeehafte, simpel Gestrickte, Muffige stärker auf. Die Sorge, in die politisch rechte Ecke gestellt zu werden, spielt vielleicht auch noch eine Rolle. Auch ohne die Nazis wäre die Volksmusik bei jungen Musikinteressierten wohl wenig populär, hat doch Tradition per se etwas Konservatives.
Ein unbefangener Umfang mit unserer Geschichte ist immer noch schwierig. Ich glaube daher nicht, dass es gelingen wird, den Inhalt der früheren Schulliederbücher wieder massenhaft populär zu machen. Das Fernsehen, welches die heutige verhunzte Form des Volks-Schlagers mit hervorgebracht hat, wird sich nicht für das Gegenteil instrumentalisieren lassen. Eine Chance sehe ich nur, wenn Volksmusik als lebendige Kultur von unten und als echte Alternative zum kommerziellen Mainstream wahrgenommen wird. 
Wenn man wie A.L. Lloyd einen Zusammenhang zwischen Einkommen, Schicht und Fähigkeit zu volksmusikalischem Ausdruck herstellt, können wir im Weltmaßstab gesehen nur als total ungeeignet erscheinen. Pop und Rock als „Soundtrack unseres Lebens“ passen wohl besser zu den meisten von uns. Wenn da nicht immer noch die Suche nach irgendwelchen Wurzeln wäre... 

Literatur

Eine wissenschaftliche, dennoch kompakte Übersicht über den Stand der musikalischen Volkskunde  bietet in Taschenbuchform: Hartmut Braun, Volksmusik - eine Einführung, Gustav Bosse Verlag Kassel 1999
ein spannender Wälzer für Leute mit Vorwissen: Volks- und Popularmusik in Europa, Hg. Doris Stockmann, Band 12 des Neuen Handbuchs der Musikwissenschaft, Laaber-Verlag 1992 
Um die Welt in 800 Seiten - einige (Übersetzungs-)Fehler, aber 2000 CD-Tipps: Rough Guide Weltmusik, Metzler-Verlag Stuttgart 2000

If you thought Germany was the only country with a shortage of trad. music watch English duo Show of Hands perform their song Roots.

Concerning England musician John Kirkpatrick has written a brilliant essay called What English Folk Music which you can read on his website.

The People’ s Music

200 years ago Johann Gottlieb Herder coined the term Volkslied which was translated into English as Folk song. It could never be defined precisely because for one thing “folk” or “people” meant different things at different times. The vague nature of the term added to its widespread use. There was no clear distinction between art- and folk music up to around the 17th century. Thus an expression for the latter had not been necessary. 
Rural areas were considered the most fertile ground for folk customs and music. because of their close and isolated communities. Social changes due to industrial development had already harmed the state of traditional music when it was “discovered” by revivalists.  
One theory claimed that all folk music was derived from the works of proper artists which had been worsened and spoiled by the common people. ("Abgesunkenes Kulturgut"). This ignores however that early forms of music song and dance go far back into heathen times (see origins) and thus classical and folk music are branches from the same wood.


Keeping it Simple

German Folk Song was praised for its heart-gripping simplicity. But its form could not be used as a means of defining it. A multitude of international and regional manifestations can hardly be generalized. Only in a regional context the structure of music and lyrics can be summed up.
The anonymity of authorship is no valid criteria as researches could often trace the author of a well-known song. Oral tradition on the other hand doesn’t grant that a song is of “folk” origin.

Some 19th  century composers ambitiously imitated the simple structures and tried to pass their own songs off as folk songs. Listening to for instance balkan music with its uneven rhythmic patterns and wild harmonies you wouldn’t say that all folk song has to be “simple”.

Why the Duck Principle fails

The duck principle says: If it looks like a duck, quacks like a duck and swims like a duck it must be a duck. This assumes the existence of a norm duck all others can be compared to. Breeds of duck are exactly the same for very large habitats and change their appearance in the slow tempo of evolution. Folk Song however is flexible. Neither its structure nor its form are permanently fixed. It may sound quite different from one village to the next and could change its appearance radically within a few years. Then again it may sound nearly unchanged over centuries. Judging it superficially may mean that a successful pop song is classed as a folk song, a plastic duck so to speak.

Definition  

“The mother of folklore is poverty”, wrote A.L. Lloyd, English folklorist, some decades ago. According to this whatever the “plain folk” sing and play is folk music. “High culture”, opera and classical concerts are solely for the rich. It can’t be this simple however, as music from the upper and lower classes have been mixing and mingling for centuries in our part of the world. It is also difficult to make a distinction between folk  and pop song.

In 1954 the International Folk Music Council adopted this definition:

„Folk music is the product of a musical tradition that has been evolved through the process of
oral tradition. The factors that shape the tradition are

continuity which links the present with the past

 variation which springs from the creative impulse of the individual or group

 selection by the community which determines the form or the forms in which the music survives.

Strictly speaking a folk song cannot be composed as such because it only comes into life by being passed on. The singers are part of this creative process.
If this passing-on is carried out as the reproduction of sheet music and fixed arrangements the creative element is lacking. This does not exclude popular songs from entering the process of oral tradition and the knowledge of their  origin being lost.

Tradition is Fiction

According to historian Eric Hobsbawm, tradition does not stretch from the past to the future in the way of an unbroken chain. On the contrary: it is always defined from the present moment and then projected backwards into the past.  Examples for this can by taken from all periods of history. e. g. the passion of Herder and his fellows for the time of the celts. Obviously the past is used to define one’s own identity

On the other hand there are products of some process by which they are passed on, for example ballads. Their origin dates from far back and they have been shaped on their way from the past towards the future. Somebody who draws on manifestations of a past culture will do this deliberately and  with certain intentions. 

Singing together

You don’t have to agree with the above definition as quoted by A. L. Lloyd. The global spreading of mass media might make adjustments neccessary.  What Germany and other countries are lacking though is an every day culture of communal singing. Perhaps one should speak of songs with a life of their own instead of folk songs. This would be songs which at one time existed and changed  independent from books or recordings. In this case the origin would not matter.

The success of roots music shows that there is a feeling of a deficit within our western culture. Hardly anybody dares to sing in public just for the fun of it (at least while they are being sober). The job of musical entertainment has been given over to the media or to somebody who looks down on you from a stage. At least the large popularity of karaoke among the younger generation means that there is some singing in public – for but not necessarily with each other. We’ll have to see if this leads to a new culture of singing together.

In the 21st Century

Folk music has taken up new influences at all times. Its way of functioning, communal ownership and collective creativity do not agree with the star principle, the establishing of a hierarchy by sales figures, click counts and hitparades. I wonder if there is another country in the world were the picture of  folk music is determined as much by the entertainment industry as it is in Germany .

The number and tempo of new trends arriving and the vanishing of boundaries are making hard for traditional music to work in present Central Europe. The trend towards globalisation is counteracted by one towards localisation. Acoustic instruments stay attractive because of the dominance of electronic sounds. On the other hand tradition may not be attractive to the younger generation because it has a conservative touch.
In my opinion folk music can only survive if it is seen as a living culture „from the roots“ and an alternative to commercial mainstream products. It has to mean something to the people involved.

If like A.L. Lloyd you see a connection between income, class and ability to form a folk culture then compared to most places in the world we Central Europeans seem totally unsuited. Pop and Rock as the „soundtrack of our lives“ might be more suitable for most of us – if it wasn’t for the search of some roots of our own... 

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