Legenden

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  Lebende Legenden

Nicht nur in der Musik spielt die mündliche Überlieferung eine Rolle. Zur Folklore im weiteren Sinn gehört die Erzählung, die Geschichte. Sie entwickelt manchmal ein Eigenleben, verselbstständigt sich, wird zu einer Legende.
Eine mittelalterliche Legende, lateinisch 'das zu Lesende', handelte von Heiligen und wurde mit erzieherischer Absicht verbreitet.
Die heutigen 'urban legends' wie die von der Spinne in der Yucca-Palme haben keinen didaktischen Zweck, verbreiten im Gegenteil eher gruselige oder eklige Geschehnisse. Wie früher spielt aber manchmal das Unerklärliche, Übernatürliche eine Rolle.
Eine hübsche Variante sind Verschwörungstheorien, z.B. „Elvis lebt“ oder „Die Mondlandung  hat gar nicht stattgefunden“. Das Internet eignet sich hervorragend zur Verbreitung erschwindelter Meldungen, den Hoaxes.
Das Weitergeben von Interesse weckenden Geschichten floriert also auch in der modernen Gesellschaft. Zusammenfassend kann man festhalten, dass Legenden oft mehr über die berichtende Person als über die zugrunde liegenden Fakten aussagen, über deren Ängste, Bedürfnisse und Wünsche. Das macht sie genau wie Märchen und Balladen psychologisch interessant. Unsere Identität wird nicht zuletzt durch das geprägt, woran wir uns erinnern.

Woran erinnern wir uns 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkriegs?

Geschosse aus dem 1. Weltkrieg, Museum der Festung Kufstein So gut wie vorbei ist die Gedenk-Welle hundert Jahre nach Ausbruch 1. Weltkriegs, der aus verständlichen Gründen in der Erinnerung der Deutschen ein viel geringere Rolle spielt als der spätere zweite. Dabei hätte man den Irrsinn des Krieges hier schon klar erkennen können. Die gleichen Mechanismen  des nationalen Wahns und der Überhöhung alles Militärischen waren schon zur Kaiserzeit am Werk. 

Es ist nicht übertrieben, diesen Krieg als die erste Weltkatastrophe des 20. Jahrhunderts zu bezeichnen. Fast 10 Millionen Soldaten und noch einmal so viele Zivilisten verloren ihr Leben, 20 Millionen Menschen wurden verwundet. Gegen Ende des Krieges waren 25 Staaten und deren Kolonien an dem Krieg beteiligt - etwa drei Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Man kann den Ersten Weltkrieg als ersten "modernen" Krieg betrachten, der ohne industrielle Großproduktion nicht in der gleichen Weise hätte stattfinden können. U-Boote, Panzer und Giftgas wurden erstmals eingesetzt.  

Die unerklärten Kriege von heute  werden möglicherweise in späteren Zeiten das gleiche Entsetzen hervorrufen wie jetzt das massenhafte Abschlachten in den flandrischen Schützengräben zur Zeit unserer Urgroßeltern. Für die Bewertung ausschlaggebend ist nicht zuletzt die Erzählung ("narrative") von dem was sich ereignet hat, wobei die Fakten nicht unbedingt Ausschlag gebend sind. 

Politische Legenden

 Anekdoten und Erzählungen haben erhebliche politische Auswirkungen über Jahrzehnte hinweg. Das Geschichtsbild wird maßgeblich davon geprägt, was innerhalb der Bevölkerung eines Landes von Generation zu Generation weitergegeben wird: Über  Krieg, Vertreibung, Zeiten des Umbruchs. 

Bekannt ist die Dolchstoß- Legende: Deutschland habe den 1. Weltkrieg ja nur verloren, weil die Linken den eigenen Truppen in den Rücken gefallen seien. Hier handelt es sich eindeutig um gezielte, politische Propaganda.
Dass die familiäre Legendenbildung insgesamt ein ziemlich anderes Bild abgibt als die Realität, hat mir besonders deutlich das Buch von Wibke Bruhns, „Meines Vaters Land“ vor Augen geführt. 

Eine Legende, die nicht entstehen durfte: der Weihnachtsfrieden von 1914

Ich möchte jedoch eine ganz andere Geschichte aus dem 1. Weltkrieg erzählen, nämlich vom  Waffenstillstand in den Schützengräben von Flandern Weihnachten 1914. Sie ist im Kern wahr, weil von vielen Menschen bezeugt. Zwischen den deutschen und den englischen, aber auch französischen und belgischen Soldaten ruhten auf breiter Front die Waffen. Wir erinnern uns: zu Weihnachten sollte der Feldzug zu Ende sein, hatte man den begeisterten Freiwilligen im Spätsommer erzählt. In Flandern verbreitete sich ein inoffizieller Frieden zwischen den feindlichen Linien, mit Gesprächen, dem Austausch von Geschenken und sogar Fußball im Niemandsland. Zunächst jedoch wurden, oft gemeinschaftlich, die Toten begraben. Den Anstoß zur friedlichen Begegnung gaben oft Weihnachtsbräuche: Weihnachtslieder singen (manche mit verschiedenem Text zur gleichen Melodie), Kerzen anzünden und das Aufstellen von Weihnachtsbäumen, was durch den deutschen Kronprinzen Albert gerade in England populär geworden war.  

Waffenstillstand im Schützengraben

Die folgenden drei Berichte britischer Soldaten trug die Albion Band am 21.12.1986 live bei ihrem Weihnachtskonzert  im WDR vor. Ich habe sie aufgeschrieben und übersetzt. 

„Plötzlich kam ein kurzer, schneller Jubel von den deutschen Linien. Und mit Erstaunen sah er, dass ein Weihnachtsbaum dort aufgerichtet wurde. Um ihn herum waren Deutsche, die redeten und lachten. Von der Brüstung begann eine volle Stimme ein Lied zu singen, an das er sich deshalb erinnerte, weil seine Kinderfrau es ihm vorgesungen hatte.
Es gab eine weitere Überraschung an diesem Tag der Überraschungen, als ein Fußballspiel zwischen den beiden Armeen vorgeschlagen wurde, welches hinter den deutschen Linien stattfinden sollte. Es war alles so merkwürdig. Es war so, als sei er in einer anderen Welt, die er durch einen Alptraum errecht hatte: eine bessere Welt als die, welche er zurückgelassen hatte. Abgesehen von den schönen Dingen – wie Musik und dem Frühling.“  

„Ich hatte die Adressen zweier deutscher Soldaten entgegengenommen mit dem Versprechen, ihnen nach dem Krieg zu schreiben. Und ich hatte vage eine riesenhafte Idee: Wenn alle in Deutschland Bescheid wissen könnten, wie die Soldaten leiden mussten und dass beide Seiten dasselbe über die Berechtigung ihrer Kriegsgründe glaubten, dass er sich dann ausbreiten würde, dieser Waffenstillstand in Christus auf dem Schlachtfeld, im Bewusstsein von allen, und Verständnis schaffen würde, wo Verachtung und Hass war.“

„Der Waffenstillstand dauerte an unserem Frontabschnitt mehrere Tage. Am letzten Tag des Jahres 1914 kam eine Botschaft über das Niemandsland, überbracht von einem sehr höflichen sächsischen Unteroffizier. Sie besagte, dass ihre Regimentsoffiziere um Mitternacht bei ihnen einen Rundgang machen würden und sie ihre Maschinenpistolen abfeuern müssten. Sie würden hoch über unsere Köpfe zielen. Würden wir trotzdem bitte so vorsichtig sein, in Deckung zu bleiben, um bedauerliche Unfälle zu vermeiden.“

Friede auf Erden..

(C):freefoto.com Die Mohnblume ist in GB ein Symbol für das Gedenken an die Toten des 1. WeltkriegsGanz so glimpflich ging es nicht ab. Die Verbrüderung zwischen den feindlichen Linien war von der Obrigkeit auf beiden Seiten nicht erwünscht und musste unterdrückt werden.  Drakonische Strafen wurden von den Generälen aller Seiten angedroht, um die Wiederholung im folgenden Jahr zu unterbinden. Das hunderttausendfache Sterben auf den Feldern von Flandern ging jahrelang weiter. 
Man kann diesen Weihnachtsfrieden als Überbleibsel einer gewissen Ritterlichkeit sehen, wie sie noch im 19. Jhdt. anzutreffen war. Am Abend der Schlacht konnten die Soldaten sich in ihre Lager zurückziehen, feindliche Truppen nutzten die selben Wasserstellen. So erscheint der Weihnachtsfrieden als letzter Ausdruck von Vernunft und Menschlichkeit vor dem Zeitalter des Totalen Krieges.
Die Geschichte vom spontanen Frieden zwischen den einfachen Soldaten ist in England relativ bekannt, in Deutschland aber kaum, obwohl Tausende davon gewusst haben müssen. In England erschienen zahlreiche Zeitungsberichte, was die Zensur in Deutschland nahezu komplett verhinderte. Schriftliche Aufzeichnungen waren gefährlich, die Regimentstagebücher dementsprechend abgefasst. Nach dem Krieg passte die Geschichte von Soldaten, die aus der Rolle fallen, nicht ins Bild. Vielleicht erschien es den Beteiligten auch als gefährlich, sie zu erzählen. Die Vision eines friedlichen Miteinander - Inbegriff der Weihnachtsbotschaft - wurde unterdrückt: eine Legende, die es nicht geben durfte. 

In den Medien 

Eine detailreiche historische Einordnung im Internet bietet dieser Lexikon-Artikel bei wikipedia. Und im Absatz „Hintergrund“ wird der Nagel auf den Kopf getroffen:

„Die Ereignisse des Jahres 1914 sind vor allem in der britischen kollektiven Erinnerung gespeichert und werden oft in einer romantischen Verklärung, verkürzt und ungenau, überliefert. Die Realität kann nicht mehr so einfach wiedergegeben werden. Berichte der Geschehnisse sind oft unzusammenhängend oder widersprechen sich, manche Überlieferungen wurden im Laufe der Zeit ausgeschmückt und die offiziellen Stellen ergeben kaum verwertbare Informationen. Einen grundlegenden Gedanken der am Waffenstillstand teilnehmenden Soldaten kann man heute jedoch immer noch nachvollziehen: die Suche nach Gemeinschaft und Humanität im Spannungsfeld zwischen einem der wichtigsten christlichen Feste und einem menschenverachtenden Krieg.“

Weitere Details und Fotos:  „Ein bisschen Frieden mitten im Gemetzel“ auf Spiegel online

Das Buch Der kleine Frieden im Großen Krieg von Journalist Michael Jürgs erschien 2003. Es ist flüssig geschrieben und in vielen Details recherchiert, wenn auch keine wissenschaftlichen Maßstäbe angelegt werden sollten.

Das englische Gesangstrio Coope, Boyes and Simpson hat mit verschiedenen flämischen Musikern Konzertprogramme zum Thema aufgeführt, die auf CD erschienen sind.

Der Film Merry Christmas spielt vor dem Hintergrund des Geschehens. 

  Titel des Daily Mirror vom 8.1.1915

"British and German soldiers photographed together"
deutsche und britische Soldaten im Daily Mirror vom 8.1.1915

Legends ancient and modern

Not only in the case of music oral tradition plays a vital role. Tales or legends are part of folklore in a wider sense.  Sometimes it develops a life of its own.
In the middle ages a legend, latin for 'what is to be read', told of saints and was spread for educational purposes. 
Today's 'urban legends' like the one about the spider in the Yucca plant have no such good intentions. On the contrary they often relate horrible or disgusting incidents. Still the supernatural or  mysterious plays a part. 
Theories about assumed conspiracy are widely spread: "Elvis lives" or "the landing on the moon was a fake". The internet lends itself very well to spreading made-up messages known as hoaxes.

In another field anecdotes and stories have considerable political implications. The view of history in any country is largely determined by what is passed on from one generation to the next. Our own identity is largely determined by the things we remember.

Museum Festung Kufstein/Austria

Truce in the trenches

The story I'd like to tell comes from the Great War as it was then known. It is about the truce in the trenches of Flanders around Christmas 1914. It is true basically as it was witnessed and reported by thousands of people. The weapons were put down between German and British but also French and Belgian soldiers.  There was an inofficial peace between the enemy lines. Soldiers met, talked and small presents were exchanged. There are even reports of football being played in No-Man's Land. But beforehand the dead were buried, often in a common effort of English and Germans. It all usually started through Christmas customs: carols were sung (sometimes with different words to the same tune) candles lit and Christmas trees put up, a custom which had just made been popular in England by Queen Victoria's German husband Albert. 

The following reports from three British soldiers were read out by the Albion Band at their Christmas concert on WDR2 radio on Dec 21st, 1986. 

"Suddenly there was a short quick cheer from the German lines. And with amazement he saw that there was a Christmas tree being set there. Around it were Germans, talking and laughing. From the parapet a rich voice began to sing a song which he remembered from his nurse singing it to him.
There was another surprise in this day of surprises when a football match was proposed between the the two armies to be held behind the German lines. It was all so strange. It was like being in another world which he had come to through a nightmare: a world finer than the onehe had left behind. Except for beautiful things – like music and springtime." 

"I had taken the adresses of two German soldiers promising to write to them after the war. And I had vaguely a giant-like idea: that if all those in Germany could know what the soldiers had to suffer and that both sides believed the same things about the righteousness of the two national causes it might spread – this truce of Christ on the battlefield – to the minds of all and give understanding when there was scorn and hatred."

"The truce lasted in our part of the line for several days. On the last day of 1914 one evening a message came over No-Man’s Land carried by a very polite saxon corporal. It was that their regimental officers were going around their line at midnight and they would have to fire their automatic pistols but would aim high above our heads. Would we, even so, please keep under cover lest regretful accidents occur. "

Peace on Earth..

(C):freefoto.com The end was not a happy one. None of the governments involved wanted fraternization and generals had to oppress it. Severe punishment was threatened to prevent similar things to happen in 1915. Hundreds of thousands died in the fields of Flanders in the years to come.

The story of spontaneous peace between common soldiers is well spread in England but not in Germany despite the fact that thousands must have known about it. In England there were many reports in the newspapers while censorship prevented them almost completely in Germany. In the official regimental records you can only find out what must have happened when you read between the lines.  After the war the story of soldiers who didn't play their part was unwanted and still deemed  dangerous to the ones who could have told it. This vision of peace and good-will to all mankind was oppressed. 
There are good reasons to argue that this truce doesn't stand alone. Similar cases are reported from other wars but not on such a large scale.

"In a century in which our conception of war has changed fundamentally, from the cavalry charge and the flash of sabres to the Exocet, the cruise missile and the Trident submarine, the fact that in 1914 some thousands of the fighting men of the belligerent nations met and shook hands between their trenches strikes a powerful and appealing note. It is perhaps the best and most heartening Christmas story of modern times". From the summary of  the book 'Christmas Truce' by Malcolm Brown and Shirley Seaton as published on the pages of the BBC.

For more historic details see Tom Morgan's page.
Read some football poems that commemorate the match in No Man's Land. 

Listen to Mike Harding's song about the christmas truce and watch a video to go with it.

A song to close the circle

"All our lives our family and friends told us we were crazy". In this video American singer John McCutcheon tells us how the circle closes - German WW I veterans finding  proof of their experience in his song Christmas in the Trenches.

English singers Coope, Boyes and Simpson have recorded various projects with Flemish musicians concerning the Christmas truce. 

And that’s the rhyme of no man’s land,
Grey and kakhi hand in hand,
To stop the lust for others land,
Not to hate but understand,
So conflict is forever banned,
Yes that’s the rhyme of no man’s land
That’s the rhyme of no man’s land.
(Lester Simpson)

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