irische Tanzmusik

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Einführungen auf Englisch

Die folgende Seite soll  Einsteigern eine Hilfe sein, die wunderbare irische Instrumentalmusik kennen zu lernen. 

Ein ganz kurzes FAQ über irische Musik gibt es hier, etwas mehr zum Thema bei den irischen Organisationen Ceolas  oder  Comhaltas. Worum es geht, zeigt sehr schön ein Video aus der  Serie The Pure Drop vom australischen Fernsehen.

Übersicht

Instrumentalstücke
Saiteninstrumente
Blasinstrumente
Zungen und Bälge
Perkussion
Zusammenspiel
Variationen
Regionalstile

Welche Stücke lernen?
Ein Wort zum Schluss

Instrumentalstücke unterscheiden

Die folgenden Musikformen sind in Irland verbreitet, was aber nicht heißt, dass es sie nicht auch in anderen Ländern gibt. Die meisten Stücke wurden für spezielle Tänze geschrieben und entsprechend benannt. Je nach Regionen ist die Verbreitung innerhalb Irlands verschieden.  
Die Unterscheidung ist nicht immer einfach und oft auch umstritten.

      Reel bei weitem am beliebtesten, schnell, 4/4-Takt

Jig – mäßig bis rasch, 6/8-Takt

Slip Jig – verhaltener, 9/8-Takt

Slide – schwungvoll, 12/8-Takt

Hornpipe –  oft mit punktiertem Rhythmus,  4/4 oder 2/4-Takt, 
zu erkennen an drei betonten Viertelnoten am Ende eines Teils

Polka – schwungvoll, 2/4- Takt

Waltz – eher verträumt, aber immer noch im 3/4 - Takt

Set Dance – Musik zu einem festgelegten Tanz mit eigenen Figuren

(Slow) Airs  – langsame Melodien mit freierer Struktur. 
  Sie sind oft Melodien von Balladen und werden zum Zuhören gespielt.

Slow Reels sind eine jüngere Erscheinung. Besonders melodische Reels werden gerne in langsamem Tempo in der Art von Airs gespielt.

Mazurkas, Strathspeys, Schottisches, Marches etc. existieren auch, sind aber nur selten anzutreffen.

Die Stücke bestehen standardmäßig aus zwei Teilen, die jeweils acht Takte lang sind und normalerweise wiederholt werden: AABB. Es sei denn, ein Teil besteht aus vier Takten, die schon zweimal gespielt worden sind. Natürlich gibt es auch  Tunes mit drei und mehr Teilen. 

Manche Lieder sind mit Text unterlegte Dance Tunes (oder umgekehrt Tunes sind Lieder ohne Text)
 z.B. Lanigan's Ball (Jig), The Little Beggarman (Hornpipe) oder I'll Tell My Ma (Polka).

 

Bobby Gardiner spielt einen Hornpipe, einen Jig und einen Reel auf dem einreihigen Melodeon.

Saiteninstrumente

Geige

(C):freefoto.com   fiddle"A VIOLIN SINGS....... A FIDDLE DANCES"
Die Fiddle ist sozusagen das Grundinstrument. Da früher solo und zum Tanz aufgespielt wurde, hatte die Geige den Rhythmus zu betonen. Ein kräftiger, etwas rauerer Stil passt zu den Tunes besser als das glatte, „schöne“ Spiel.  Ob jemand klassischen Unterricht gehabt hat, hört man meistens sofort, wobei es eher ein Vorteil ist, sich das Instrument neu anzueignen.  Die Spielhaltung weicht von der klassischen etwas ab. Oft wird der Bogen etwas höher angefasst und der kleine Finger nicht benutzt. 

 Gruppen von Tönen werden gebunden, oft mit dem letzten Ton vor einem Taktwechsel beginnend. Dadurch entsteht eine Art Swing.  Vor- und Aufschläge oder sog. Rolls betonen machen den typischen Klang aus. Vibrato war eigentlich unüblich, wiewohl durch die wachsende Zahl klassisch ausgebildeter Fiddler diese Regel in Frage gestellt ist.

Berühmte irische GeigerInnen der Gegenwart und Vergangenheit werden mit Text und Ton auf der Seite irishfiddle.com vorgestellt. Alle Fragen rund ums Fiddeln kann man auf Deutsch beim  Fiddle-Forum  stellen.

Muss man in Irland geboren sein, um diese Musik zu beherrschen? Wenn man den Amerikaner Randal Bays hört, wird man klar mit Nein antworten. Vielleicht ist das ermutigender als den Meistern wie Kevin Burke, Tommy Peoples oder Frankie Gavin zu lauschen.

Mandoline

Wer sich nicht den Stress mit dem sauberen Greifen und der vertrackten Bogentechnik antun möchte, sollte vielleicht zur Mandoline greifen. Sie ist genauso gestimmt wie die Geige (nur doppelt). Preiswert und leicht zu transportieren außerdem. Die Mandoline kann sehr effektvoll zum Untermalen von Songs eingesetzt werden. Auch für Gitarristen als Zweitinstrument zu empfehlen. Als verwandtes Zupfinstrumente ist noch die etwas größere Mandola zu nennen. 

Banjo

Mangel an Lautstärke ist nicht das Problem, im Gegenteil. Das Tenorbanjo (vier Saiten) bietet kaum Chancen, den „Sound“ zu variieren, kann aber der Melodie beim Zusammenspiel ein kräftiges Gerüst geben. Schnelle Läufe und Verzierungen wie Triolen kommen gut rüber.  Gerry O'Connor ist hier als Solist zu nennen. Nicht verwechseln mit dem five-string-banjo, das im Bluegrass benutzt wird.  

 

Banjoline

Kein Scherz, es gibt sie wirklich. Sie vereint die Vorzüge ihrer beiden Eltern, hat aber nicht den markanten  Klang.  Für einen Abend zum Mitzupfen bei einer Session prima geeignet. Das Foto stammt aus Irland (Juli 09).

 

 

 

Bouzouki

Anders als das Banjo gut für eine fetzige, rhythmische Akkordbegleitung geeignet. Deshalb hat sich die keltische Variante mit dem flachen Rücken seit den Siebzigern rasant ausgebreitet, nicht zuletzt durch den Einfluss von Donal Lunny (Bothy Band u.v.a.). Das extra-große Bass-Modell hört auf den Namen Blarge. 

akustische Gitarre

Sie gilt zwar als das Folk-Instrument schlechthin, ist aber erst seit Mitte des vorigen Jhdts. in Irland allgemein verbreitet. Die Rhythmusbegleitung wurde auf den frühen Tonaufnahmen oft vom Klavier übernommen. Es gibt zwar Leute, die irische Tunes beeindruckend auf der Gitarre spielen können, z. B. Pierre Bensusan. Beim Zusammenspiel ist die Gitarre als Melodieinstrument aber zu leise. 
Wer Rhythmusbegleitung machen möchte, sollte sich möglichst nicht auf ein paar Dur- und Mollakkorde beschränken. (s.u.) Effektiv und sehr beliebt ist inzwischen, die Gitarre auf DADGAD zu stimmen. Bekannte irische Backing- Gitarristen sind Artie McGlyn und Dáithí Sproule.

Harfe(C).freefoto.com   harp

Die keltische Harfe ist erheblich kleiner als die mit Pedalen bestückte Orchesterharfe. Der Resonanzkörper ist in den Rahmen am unteren Ende der Saiten integriert. Mit kleinen Hebeln an den Saiten können diese halbtonweise umgestimmt werden, so dass verschiedene Tonarten spielbar sind. Es gibt metall- und nylonbespannte Instrumente, die sich im Klang deutlich unterscheiden. Dass die Harfe auch im Ensemblespiel eine Bereicherung ist, haben die Chieftains mit dem verstorbenen Derek Bell demonstriert.

Blasinstrumente

Tin Whistle 

Die Tin Whistle ist ein ernstzunehmendes, eigenständiges Instrument. Aber auch ohne es vollständig beherrschen zu wollen, nützt es,  sich Grundkenntnisse des Whistlespiels anzueignen. 

Das Anblasen geschieht mit „dü“ wie bei der Blockflöte. Die Töne werden häufig gebunden, auch über das Ende eines Taktes hinweg, was einen interessanten rhythmischen Effekt ergibt.

Die Finger werden ziemlich gestreckt gehalten, so dass die Grifflöcher nicht unbedingt von den Fingerkuppen geschlossen werden. Dies erleichtert das Ausführen der Verzierungen. Es gibt nur sechs Löcher auf der Vorder- und kein Daumenloch auf der Rückseite. Also drei Finger der linken Hand oben, drei Finger der rechten Hand darunter. Die obere Oktave wird durch Überblasen, d.h. stärkeres Anblasen, angesteuert. Halbtöne werden meist durch halbes Abdecken eines Loches gespielt, was nicht einfach ist. Daher gibt es Whistles in verschiedenen Tonarten. 

Beim Kauf sollte man die Whistle ausprobieren. Ist der Luftweg im Mundstück richtig frei? Ist die Stimmung in sich (einigermaßen) sauber? Bei dem preiswerten Masseninstrument sollte man allerdings nicht zu viel erwarten. Allerdings hat sich in den letzten Jahren eine Menge getan, was höherwertige, stimmbare Whistles angeht. 

Gute Solo-Tonaufnahmen hat Mary Bergin gemacht.

Eine sehr sorgfältig gemachte deutsche Tinwhistle - Seite: tin-whistles.de

Querflöte

Die heute üblichen Metall-Querflöten bieten einen enormen Tonumfang und einen wunderschönen Klang. Für die irische Musik sind sie weniger geeignet. Die Verzierungen oder das Hineingleiten in die Töne lassen sich auf Holz-Querflöten alter Machart bedeutend besser ausführen. Der warme Klang des Holzes tut ein Übriges. Ein Meister dieses Instruments ist Matt Molloy (Bothy Band, jetzt Chieftains), der auch Soloalben herausgebracht hat.

Es gibt eine tolle Seite, wo eine Menge Stücke zum Lernen langsam und schnell auf der Holzflöte vorgespielt werden: irishflute.podbean.com


Uilleann Pipes 

Dudelsäcke, den Rohrblattinstrumenten zuzurechnen, waren einst in ganz Europa verbreitet. Anders als bei den schottischen Highland Pipes wird der irische Dudelsack im Sitzen gespielt und mit einem am Arm befestigten Blasebalg betrieben. Pipes spielen ist die Königsdisziplin und erfordert jahrelanges Lernen. Man beginnt mit dem Chanter, der Melodiepfeife. Hinzukommen die Drones, Basspfeifen für Borduntöne, und Regulators, Rohre mit Klappen, die man mit dem Unterarm betätigt. Die Spielweise der Pipes hat die Technik auch der anderen Instrumente beeinflusst. Finbar Furey hat das Instrument hierzulande bekannt gemacht.

Bei der Deutschen Uilleann Pipes Gesellschaft gibt es ein Porträt des Instruments.

Zungen und Bälge

Mundharmonika (mouth harp)

In Deutschland ist die Mundharmonika immer noch das Instrument der Schichten, die sich keinen Musikunterricht leisten konnten, und dementsprechend gering geschätzt. Der Blues (und Bob Dylan) verschafften ihr neue Verbreitung. Nicht das Instrument, das einem sofort bei irischer Musik einfällt, aber bei hochkarätigen Bands von Sweeney's Men bis Altan zu hören. Toller Solist: Brendan Power (Neuseeland).

Akkordeon (piano accordion)

Als Quetschkommode und Schifferklavier belächelt, hat das Akkordeon hierzulande einen schlechten Ruf. Es ist aber ganz gut als Melodie- und Begleitinstrument in der irischen Musik einsetzbar. Wie das Klavier ist ist es chromatisch angelegt, also für sämtliche Tonarten zu gebrauchen. Phil Cunningham aus Schottland hat gezeigt, was ein Virtuose aus den Tasten herausholen kann.

 Knopfakkordenon, diatonisches Akkordeon (button accordeon, melodeon)

(C):freefoto.com  melodeon In Irland recht beliebt ist das etwas kleinere Knopfakkordeon, auch oft 'box' genannt. Von der Mechanik ist es mit der Mundharmonika verwandt und war einst   auch bei uns verbreitet. Das Instrument ist kleiner als das Tastenakkordeon. Ein Instrument ist auf wenige Tonarten beschränkt. Bei Druck und Zug entstehen unterschiedliche Töne. Der Effekt ist ein kräftiger, rhythmischer Sound. Vor hundert Jahren waren einreihige Instrumente sehr preiswert und populär, heute dominieren die zweireihigen.  Mairtin O'Connor und Jacky Daly sind hier als prominente Spieler zu nennen. Die Gruppe Beoga hat gleich zwei davon. 

 Konzertina (concertina)

In Irland als Fraueninstrument angesehen, ist  die Concertina hierzulande eine Rarität, obwohl die  Entwicklung teils in Deutschland stattgefunden hat.  Sie diente bei uns den Zirkusclowns als  Instrument. Die Seiten sind sechs- oder achteckig und oft mit kunstvollen Beschlägen versehen. Das Instrument ist deutlich kleiner als ein Akkordeon. Die Knöpfe sind nicht in Reihen, sondern als Feld angeordnet. Es wird unterschieden zwischen Anglo- und englischer Concertina. Die Anglo funktioniert wie das Melodeon, die englische Concertina hat den gleichen Ton bei Druck und Zug. In Irland ist überwiegend die Anglo verbreitet, meisterhaft gespielt z.B. von Noel Hill.

Percussion

Bodhran

Das (die ?) Bodhran ist eine Rahmentrommel, mit Schweine- oder Ziegenhaut fest bespannt, die mit einem Holzschläger oder auch mit der Hand geschlagen wird und eine erhebliche Lautstärke entfalten kann. Mit diesem Instrument kann man tolle Effekte, sogar eine Art Melodiespiel, entwickeln, je nachdem, wie und wo das Fell auf der Rückseite abgedämpft wird. Auf den Punkt gespielt, entwickelt eine Bodhranbegleitung bei Jigs und Reels unheimlichen Drive, etwa bei 'Ringo' McDonagh von De Dannan. Das schwerste bei diesem Instrument ist zu merken, wann man nicht spielen sollte ;-) . Eine feine deutschsprachige Seite für Einsteiger ist Saschas Bodhran Lounge.

Löffel

(C):freefoto.com    LöffelspielerZwei Suppenlöffel werden mit der Rückseite gegeneinander gehalten. Die Stiele hält man fest  zwischen den Fingern einer Faust. Man schlägt die Löffel zwischen  Oberschenkel und der nicht haltenden Hand. Das ist gar nicht so einfach. Manche biegen die Löffelstiele in der Mitte nach oben. Es gibt auch eine zangenartige Variante mit Holzlöffeln ähnlich eines Salatbestecks, was einfacher zu spielen ist. 

 

Bones

Zwei flache, ca. 10 cm lange Knochen (ich schätze mal es sind Schweinerippen) werden ähnlich wie die Löffel zwischen die Finger der Faust geklemmt. Sie erzeugen ein kastagnettenähnliches Geklapper.

Was alles fehlt:

Harmonium, Drehleier, Saxophon, Klarinette, Blockflöte, Cembalo, Kontrabass...
Es hat viele Versuche gegeben, Instrumente aus anderen Sparten für irische Musik zu nutzen. Am erfolgreichsten waren vermutlich Klavier und Keyboard. Natürlich kann man experimentieren - sofern man das Instrument gut beherrscht und weiß was man tut. Aber warum sollte man den charakteristischen Klang der herkömmlichen Instrumente "verbessern" wollen?

So darf man sich einen Fiddle - Workshop (nicht) vorstellen...

Zusammenspiel 

Einstimmigkeit

Die irische Musik ist auf  auf Einstimmigkeit hin angelegt (unisono-Spiel). 
D.h. man spielte solo oder im Duett. 
Mit den  (akustischen) Folk-Bands ab den siebziger Jahren hat es allerdings eine Angleichung an moderne Hörgewohnheiten gegeben.  
Die in Bands übliche Aufteilung, hier Melodie- dort Rhythmusinstrumente, entspricht eigentlich nicht der früheren Spielweise. Flöten, Geigen etc. hatten so rhythmisch zu spielen, dass man dazu gut tanzen konnte. Das Verhältnis von Melodie- zu Begleitinstrumenten sollte m. E. bei 2 : 1, besser 3 oder 4 : 1 liegen. Zugegeben: Ich spiele viel zu gerne E-Bass, als dass ich mich immer an diese Theorie halten würde...

Kirchentonarten

Der Charme der irischen Musik besteht auch darin, dass sich die Melodien meist nicht in Dur- und Moll-Tonarten bewegen, sondern in den sog. Kirchentonarten. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, dass unser Dur/Moll-System sich erst zu Bachs Zeiten herausgebildet hat. Der englische Ausdruck "greek modes" verweist auf die Herkunft aus dem alten Griechenland. Die gängiste Kirchentonart Dorisch fängt, von Dur aus betrachtet,  auf der 2.  Stufe der Tonleiter an. Dabei liegen die Halbtonschritte (bei Dur 3./4. und 7./8. Stufe) entsprechend eins tiefer.
Eine Begleitung mit Dur- und Mollakkorden ist daher nicht ideal. Wenigstens sollte man versuchen, die Terz (3. Stufe der Tonleiter), die zwischen Dur und Moll entscheidet, wegzulassen. Dazu werden häufig „offen gestimmte“ Gitarren oder Bouzoukis verwendet (open tuning).  Eine häufig gebrauchte Stimmung ist DADGAD.

Streng genommen kann man ein Stück auf der Gitarre, aber auch mit Bodhran, erst begleiten, wenn man die Melodie Ton für Ton kennt. Die Reels oder Jigs hören sich zwar zunächst alle gleich an, man ist aber nicht vor überraschenden melodischen und rhythmischen  Wendungen sicher. Allermindestens sollte man wissen, zu welcher Gattung das Stück gehört.

Kernpunkt dieser Musik ist die Melodie - nicht die Harmonie. Eine Akkord- oder Bassbegleitung sollte die Eigenheiten der jeweiligen Melodie hervorheben.  Die mehrstimmigen Bearbeitungen für Musikschul- Ensembles entstellen die ursprünglichen Stücke teils bis zur Unkenntlichkeit, weil hier Prinzipien des Tonsatzes aus der Klassik angewendet werden. Das Ergebnis ist eher was Klassisches - aber kein Irish Folk.

Gemach!

Ein großes Problem ist oft das Finden und Halten des richtigen Tempos. Natürlich sollen die Reels Pfeffer haben, sonst wären sie ja nicht die mit Abstand beliebteste Gattung. Es darf aber nicht gehetzt klingen! Die Supergruppen legen mitunter ein Höllentempo vor, das halsbrecherisch und nicht wirklich nachahmenswert ist. Bei älteren Soloaufnahmen kann man hören, dass gelasseneres Tempo nicht unbedingt Mangel an Energie bedeutet. Die Kunst des Musikers soll dazu dienen, die Schönheit der Melodie hervorzuheben, nicht das Stück ein Vehikel sein, um die Fertigkeiten des Spielers herauszustellen.

Sessions

(C): freefoto.com   fiddle and accordionEin großer Anreiz, irische Musik zu spielen, sind die Sessions. MusikerInnen setzen sich (meist in der Kneipe) zusammen, einer fängt ein Stück an, wer's kennt, spielt mit. Egal ob in Irland, Kalifornien oder Niederbayern, man kann  auch mit wildfremden Leuten zusammen spielen, wenn man ein Grundrepertoire beherrscht und das Stadium „blutiger Anfänger“  überwunden hat. Einsteiger (und Bodhranspieler ;-) sollten allerdings darauf achten, niemand auf die Nerven zu gehen. 
Die vielen ungeschriebenen Benimm-Regeln werden englisch unter Session-Etiquette zusammengefasst und lebhaft im Netz diskutiert.

Sessions, wie wir sie heute kennen, sind relativ jung: sie sollen vor ca. 60 Jahren in London entstanden sein. Slow Sessions speziell für Einsteiger sind eine neue Errungenschaft. Weitere Tipps bei der Hamburger Slow Session

Medientipp: z.B. session + irish beim Videoportal youtube als Suchbegriff eingeben.

Variationen

Charakteristisch für die irische Musik ist außerdem der Variantenreichtum. Unter dem selben Titel existieren massenhaft unterschiedliche Fassungen. Kann man sie gleichzeitig spielen, sind es „variations“, sind sie nicht kompatibel, spricht man von „settings“. Außerdem ist der fortgeschrittene Spieler bestrebt, nie zwei Durchgänge eines Stücks völlig gleich zu spielen. Dazu bedient man sich der Ornamentierung.  

Natürlich ist der rhythmisch betonte Fluss der Melodie erstmal entscheidend. Damit es sich „irisch“ anhört, dürfen aber nicht die Verzierungen fehlen.

Ganz grob gibt es zunächst den

Vorschlag: kurzer Ton, ein oder zwei Stufen darunter oder darüber, vor dem eigentlichen Ton 

Aufschlag: kurzer Ton in der Mitte der eigentlich zu spielenden Note Instrumentenladen
zwei gleiche Töne werden gern durch einen Aufschlag getrennt

Roll: eine sehr schnelle Folge von fünf Tönen, die den Hauptton einkreist

z.B. Roll auf e = e fis e d e   

Die Verzierungen sind beeinflusst  vom Gesang und vom Spiel des irischen Dudelsacks, der Uileann Pipes, die natürlich einige weitere Varianten bieten.

Ausprobieren lassen sich diese Kunststückchen gut auf der Tin Whistle.

Egal, an welchem Instrument man sich betätigt: Unabdingbar ist häufiges und intensives Hören. Aufnahmen von Bands sind meistens fetziger oder gefälliger, trotzdem bringt es wahrscheinlich mehr, sich gute Solo/Duoaufnahmen zu besorgen.

Einzelkämpfertum ist langweilig. Es gibt sogar in Deutschland Workshops für irische Musik und Tanz. 
Aber auch ohne hierarchische Unterrichtssituation kann man sehr viel durch Austausch und Zusammenspiel mit anderen Folkies lernen.

Regionalstile

Im Laufe der Zeit hatten sich verschiedene regionale Stile herausgebildet, beeinflusst ebenfalls durch die geographische Lage oder bedeutende SpielerInnen. In den Zeiten von Tonträgern und hoher Mobilität haben sich diese Besonderheiten etwas abgeschliffen, sind aber nach wie vor noch zu unterscheiden. Am einfachsten lassen sich die Fiddlestile gegenüberstellen. Eine Reise die Westküste entlang von Nord nach Süd: 

Donegal

Heimat der  Gruppen der berühmten Gruppen Clannad und Altan. Bei letzteren sind Anklänge an  den ursprünglichen Stil zu hören: Die Fiddler spielen recht schnell und energievoll mit kurzen Bogenstrichen, was etwas an Schottland erinnert. Variationen werden weniger über melodische Verzierungen als über den Bogenstrich erreicht. Berühmtester Vertreter war der verstorbene Johnny Doherty.

Sligo

Ein besonders flüssiger Stil, der lange für irische Musik insgesamt stand. Die trickreiche melodische Gestaltung und lange Bindebögen ergeben viel Drive und Abwechslung. Herausragend war  Michael Coleman, der als Auswanderer in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA sehr einflussreiche Tonaufnahmen machte.

Galway und Clare

Galway ist die Heimat der Gruppe De Dannan mit dem Fiddler Frankie Gavin. Hoch komplexe Variationen und Verzierungen sind hier anzutreffen. In Clare wurde relativ langsam gespielt, was Raum für interessante Melodieführung ließ. Die Concertinaspieler aus Clare waren früher ein Begriff. Übrigens ist die berühmte Kurswoche Willie Clancy Summer School in Milltown Malbay/Clare angesiedelt.

Kerry und Cork

Kerry ist die Heimat vieler Slides und Polkas. Der Stil ist eher schlicht und arm an Variationen, aber schwungvoll. Berühmt für die reiche musikalische Tradition ist die Gegend Sliabh Luachra.

Welche Stücke lernen?

Dem Anfänger stellt sich die Frage, welche von den Tausenden an Tunes man denn nun als erstes lernen sollte. Eine objektive, allgemeingültige Antwort darauf ist unmöglich. Man kombiniere:

Stücke, die einem besonders gut gefallen
Stücke, die viele kennen
Stücke, die man mit anderen zusammen spielen möchte
Stücke, die garantiert keiner kennt (wenn man  auffallen möchte - bei Sessions eher negativ) 
wer will: Stücke mit drolligen Titeln z.B. „Bang your Frog on the Sofa“

Natürlich kann es passieren, dass die erfahrenen MusikerInnen genervt mit den Augen rollen, wenn der Anfänger freudig Harvest Home oder den  Kesh Jig anstimmt. Lernt die „ollen Kamellen“ trotzdem. Man muss ja nicht dabei stehen bleiben.

Nachschlagen und Lernen

Zum Lernen irischer Tunes gibt es die  amerikanische Seite slowplayers.org  Diese zeichnet sich durch die Kombination von Klangbeispielen, gut lesbaren Noten und Begleitakkorden aus. 
Eine hübsche Sammlung der O'Regan's Pub-Session in Kanada mit midi-files, abc und Noten.
Schriftliche Fassungen in vielen Variationen und Formaten auf JC's tune find
Systematisch sein Repertoire erweitern kann man mit der Westborough Session, wo monatlich Tunes mit Noten und Klangdatei vorgeschlagen werden.

Sets

Da die einzelnen Stücke kurz sind, werden meist zwei oder drei nahtlos hintereinander gespielt. In der Regel kommt der Wechsel nach dem dritten Durchgang. Dies geschieht bei Bands ebenso wie bei Sessions, dem Zusammenspiel in einer lockeren Gruppe. Manche Sets sind gewohnheitsmäßig festgelegt, andere Wechsel spontan. Es bietet sich an, manche Stücke gleich als Set zu erlernen, z. B. die schottischen Jigs Atholl Highlanders/Jig of Slurs. Die Tunes für einen Set stammen meist aus der selben Gattung, müssen es aber nicht. Es gilt das Prinzip der Steigerung: Oft wird z.B. mit einem Slow Air angefangen und dann was Flotteres dahinter gesetzt. Eine eigene Kunst ist der geschickte Wechsel der Tonarten. 

Die großen irischen Gruppen auf Briefmarken: Altan, die Chieftains, die Clancy Brothers mit T.Makem, die Dubliners

Ein Wort zum Schluss

Eine Definition dessen, was nun die irische Musik ausmacht, kann hier nicht geliefert werden, dafür ist die lebendige Materie zu kompliziert. Sie ist nicht nur ein Stil, sondern setzt ein anderes musikalisches Denken voraus als es in der  hiesigen Schulmusik gelehrt wird. Es geht nicht um das Reproduzieren vorgegebener Werke. Die Musik lebt erst durch die Interaktion: die Weitergabe, das Zusammenspiel. Folkmusik findet zunächst mal nicht im Konzertsaal oder im Tonstudio statt. Es geht um selbst gemachte Unterhaltung zu Hause oder im Pub, wo sich Publikum und MusikerInnen auf Augenhöhe begegnen, nicht um wabernden Keyboard-Sound mit ein paar Flöten- und Harfentönen für den Hauch von Authentizität. 

Irlands Musiktradition überdauerte u.a. durch die geographische Randlage und das Fortbestehen der ländlichen Strukturen bis in die Gegenwart, wobei die musikalischen Formen und Stilmerkmale (s.o.) sich erhalten haben. Trotzdem wurden immer auch neue Einflüsse aufgenommen. Aber auch auf der Grünen Insel war die Wertschätzung der eigenen Musikkultur in der Mitte des vorigen Jahrhunderts stark gesunken, bis ein Revival  ab den 50er/60er Jahren einen Boom auslöste, der bis heute anhält.
Irische Musik ist ein Exportgut und touristischer Wirtschaftsfaktor. So bleibt es nicht aus, dass unsägliche Sampler-CDs und auf den Markt geworfen werden und Musiker aus allen möglichen Ländern mit dem Etikett „irische Musik“ Kohle machen wollen. 
Wenn wir Mitteleuropäer uns selber an der irischen Musik versuchen, sollten wir sie nicht als Steinbruch betrachten, aus dem man sich nach Belieben ein paar Brocken holt und diese zur Unkenntlichkeit bearbeitet. Respekt vor den Menschen, welche uns diese tolle Musik z.T. trotz schrecklicher Lebensumstände und politischer Repression über die Zeiten hinweg überliefert haben, sollte sich  im Umgang mit der musikalischen Tradition ausdrücken.

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